10 Tipps für den guten Vorleser

Vorlesen: Das hört sich leicht an. Ist es aber nicht. Einfach nur ablesen, was geschrieben steht, kann fast jeder.  Zum guten Vorlesen gehört mehr. Gefesselt lauscht man dem, dessen Stimme, Tonlage, Gesicht und Körper  die Geschichte mit erzählen – sozusagen in einer weiteren Dimension.  Es ist ein bisschen wie mit Abschied ohne Winken oder Weinen ohne Tränen. Erst der ganze Einsatz macht einen Vorleser zum guten Vorleser. Schwer ist das nicht, man muss sich nur trauen und ein gutes Buch finden.

1. Spaß haben!
Eine Geschichte vorzulesen, die man fürchterlich findet, bringt allenfalls das Gefühl, den Kindern wenigstens einen Wunsch erfüllt zu haben. Lausiges Vorlesen ist vorprogrammiert. Man wird sich kaum ins Zeug legen, wenn einen der Text anödet. Also: Seid wählerisch. Lest nur Bücher, die Ihr gut findet. Besser mit Begeisterung vorlesen als ohne. Schließlich gibt es etliche tolle Kinderbücher, die so einfallsreich und lustig sind, dass sie auch Erwachsene blendend unterhalten.

2. Kein Stress!
Es macht wenig Sinn, beim Vorlesen auf die Uhr zu schauen. Dabei gerät man nur ins Holpern und nimmt den Text nicht wahr, weil man eigentlich damit beschäftigt ist, die Zeit im Blick zu behalten. Nehmt Euch Zeit und lasst der Geschichte eine Chance. Es wird einen Moment geben, der genau der richtige ist, um das Weiterlesen auf einen anderen Tag zu verschieben. Lieber wenige Seiten mit Enthusiasmus vorgetragen als viele in eiliger Monotonie.

3.  Erste Klasse sitzen!
Als meine Tochter noch klein war und wir uns zum abendlichen Vorlesen zusammenkuschelten, sagte sie jedes Mal, bevor es losging „Sitzt Du auch gut?“. Die Frage ist völlig berechtigt: Wer gut sitzt, der liest gut. Also liebe Vorleserinnen und Vorleser macht es Euch ordentlich bequem. Fläzt Euch ins Bett, auf ein Kissen, legt Euch auf den Fußboden oder aufs Sofa. Egal wie, Hauptsache Ihr findet es angenehm dort wo Ihr seid und könnt in entspannter Pose vorlesen.

4. Lustig ist nicht traurig!
In fast jedem Buch erreicht man besonders lustige oder ausgenommen traurige Textstellen. Lest nicht einfach darüber weg. Denn jetzt ist der Augenblick gekommen, sich als Schauspieler zu etablieren. Ist etwas lustig, würzt Ihr Eure Stimme mit einem Lachen, mit Enthusiasmus und Euer Gesicht ebenso. Umgekehrt wenn es traurig ist: Lasst die Stimme beben und kämpft mit den Tränen. Eure Kinder werden denken, sie seien im Kino.

5. Luft holen!
Zum Thema „Schnell, schnell!“: Wörter verschlucken und den Text in rasantem Tempo runterrasseln ist dem Text gegenüber nicht besonders nett, abgesehen von den Zuhörern. Jeder gute Text verdient aufmerksame Leser oder Vorleser. Vergesst also nicht zu atmen und tief Luft zu holen. Macht Pausen – die erhöhen die Spannung. Wenn Ihr wollt nach jedem Satz, nach jedem Absatz – wie es passt.

6. Auf die Folter spannen!
Es wird richtig spannend. Mit einem „Oh Schreck“ oder „Auweiha“ oder „Ach du liebe Güte“ macht Ihr die Spannung unerträglich. Für die Zuhörer seid Ihr das Maß der Dinge. Seid Ihr in Angst und Schrecken, sind sie es auch. Ihr könnt übrigens auch an weniger spannenden Stellen so tun, als wäre es spannend. Das ist vielleicht nicht ganz ehrlich, dennoch ein akzeptables Mittel, die Zuhörer zu bannen.

7. Wie die Marktschreier!
Denkt mal an die Marktschreier, sie preisen ihr Gut an, als wäre es Gold. Selbst so absurde Geräte, mit denen man Gemüse kleinhäkseln kann. Also: Murmelt beim Vorlesen nicht in Eure Bärte hinein. Schreit die Geschichte in die Welt hinaus. Laut und hörbar.

8. „Ich schau Dir in die Augen!“
Ein wichtiger und verbindlicher Aspekt beim Vorlesen ist der Blickkontakt. Schaut Euren Zuhörern an den Stellen, wo Ihr Luft holt oder es besonders lustig bzw. spannend wird, in die Augen. Darin könnt Ihr lesen, ob Ihr am Ziel seid. Habt Ihr sie mit Eurer Geschichte gefesselt, sind sie neugierig, weiterhin daran interessiert? Mit einem Blick signalisiert der Vorleser außerdem: Ich sehe, wie es euch geht und ich sorge mich, ob ihr meiner Geschichte lauscht.

9. Reize reduzieren!
Im Zimmer nebenan rumpelt die Waschmaschine, aus dem Wohnzimmer klingt Musik und vor dem Fenster tobt das Leben. Die Aufmerksamkeit Eurer Zuhörer ist Euch um so gewisser, je mehr Ihr die Welt – zumindest für die Vorlesezeit – ausschließt. Der Moment gehört Euch. Türen und Fenster soweit wie möglich zu, Lärmverursacher in die Schranken weisen oder ausschalten. Je stiller es ist, desto größer ist Eure Bühne und desto entspannter und konzentrierter werden Eure Zuhörer sein.

10. Die nächste Vorlesestunde anteasern!
Ihr seid an einer unerhört aufregenden Stelle, die über den Fortgang der Geschichte entscheidet. Perfekt: Dann hört auf zu lesen. Wie bei einem Filmvorspann, der damit endet, dass man wissen will, wie es weitergeht. Für heute ist Schluss. Fortsetzung folgt! Da hilft kein „Oh, bitte nur noch eine Seite!“. Bleibt hart! Die Kinder werden begierig die nächste Vorleseeinheit herbeisehnen.

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Ein Kommentar zu “10 Tipps für den guten Vorleser

  1. 10 gute Tipps, wobei Nr. 4 für mich der wichtigste ist: die Stimme richtig einsetzen. Ich bin Deutsche und arbeite an einer französischen Grundschule, in der ich u.a eine Lese-AG für die Erst- und Zweitklässler leite. Nach einem langen Schultag möchten die Kinder oft einfach nur Zuhören, manchmal vier oder fünf Bücher nacheinander. Ich spreche zwar sehr gut Französisch, aber irgendwann lässt auch bei mir die Konzentration nach, und ich stolpere über ein unbekanntes Wort oder eine Aussprache. Mir ist jedoch schnell aufgefallen, dass sich die Kinder davon nicht stören lassen, solange ich die Geschichte szenisch vorlese.
    Andrea

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